Vegan: Nicht hip sondern normal!?

Gestern habe ich einen Onlineartikel zum Thema veganes Essen gelesen. Hier geht’s zum Artikel. Der Autor ist Stern Mitarbeiter, heißt Derik Meinköhn und hat über sein Experiment einen Blog bei Stern laufen. Grundsätzlich gab es einige für mich sehr stimmige Aspekte in diesem Text.

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Zum Beispiel, die Tatsache, dass vegan leben nicht teuer sein muss. Außer ihr kocht nur nach Attila Hildmann und verwendet einen Berg an Superfoods, anstatt Leinsamen Chia-Samen etc. So schreibt er zum Beispiel:

„Ob ich aber mit Reissirup süße oder mit Rohrzucker macht kaum einen Unterschied. Statt Chia-Samen nimmt man einfach Leinsamen, Cashews werden durch geschälten Hanf ersetzt. Acai scheint grundsätzlich überbewertet, die Vitamin-C-Dosis von Acerola kann man sich auch mit einem Apfel genehmigen und Nussmilch kann man sich für ein paar Cent auch selbst herstellen.“ Quelle

Das gefällt mir. Ich finde wir vernachlässigen zu oft das altbekannte vermeintlich langweilige Zeug, um uns von wildfremden Leuten einreden zu lassen, dass es ohne Acerola und Chia-Samen kein Überleben mehr gibt. Es muss Reissirup oder besser Kokosblütenzucker sein. Ich würde gerne die nachhaltigen Plantagen im Regenwald sehen, die stehen sicherlich direkt neben den nachhaltigen Plantagen für Palmöl, Palmfett, Kokosnüsse…

Die weitgereisten Lebensmittel sollen uns, im Überfluss lebenden Menschen, eine Alternative bieten, gesund sein und uns auf keinen Fall dick machen. Ein niedriger glykämischer Index, keine Kohlenhydrate bitte und nur kein Fett. Das ganze Essensthema wirkt so überzogen und fern von jeglicher Realität. Wir Deutschen, selbst die Leute mit weniger Kohle, können sich im Supermarkt Früchte und Nahrungsmittel aus der ganzen Welt kaufen. Sie sind oft so billig, dass die Hälfte auf dem Müll landet.

Veganismus ist in einigen Kreisen mit einem hippen Stempel versehen. Mir fällt nicht eine Person ein, die ihr Essverhalten nicht als Krönung der Schöpfung verkauft: „Mit meinen Rezepten wirst du auch sexy, sportlich, jung, dynamisch, erfolgreich, energetisch und glücklich sein.“ Eine riesige Industrie hängt hinter all diesen Ideen. Bücher, Shakes, Nahrungsergänzungen, Videos, Communities, DVD-Programme, Kochschulen…

Ich probiere auch gerne neue Sachen aus, aber warum muss ich dann verlernen was hoffentlich die Eltern noch mitgegeben haben. Oder geben die auch nichts mehr mit?

Umsichtig einkaufen, regional, saisonal, frisch zubereitet, abwechslungsreich, vollwertig, in Maßen verzehren, auf den Körper hören, mal etwas Besonderes (mal heißt nicht jeden Tag!), kein Essen verkommen lassen oder wegwerfen, mal ne Mahlzeit ausfallen lassen ist auch nicht schlimm „Davon stirbst du nicht“ … Was habt ihr gelernt?


Mein Erlebnis zum Thema welchen Einfluss habe ich als Konsument:

Eine Oma steht neben mir am Marktstand und fragt nach frischem Spargel. Der Verkäufer weist drauf hin: „Es ist Februar!“.

Die Oma fragte noch mal nach. Der Verkäufer erwiderte: „Natürlich gibt es schon Spargel zu 30 Euro das Kilo, das wollen sie sicher nicht zahlen?!“.

Die rüstige Alte fragt ernsthaft, ob der Spargel dann aus Deutschland sei. Und erinnert sich, dass die Griechen doch sonst auch guten Spargel liefern.

Der Verkäufer irritiert: „Es ist Februar! So warm ist es da auch noch nicht“.


Ich stand mit meinem regionalen Kram daneben und mir wurde wieder klar wie weit wir doch alle von diesem Ideal entfernt sind.

Schön in diesem Artikel ist auch die Passage zu den Rückfällen.

Gab es Rückfälle, gibt es Ausnahmen?

Das erste Jahr war ich sehr streng und habe keine Ausnahmen gemacht. Inzwischen habe ich aber keine Lust mehr, bei einem Geschäftsessen oder auf Reisen nur Pommes zu essen oder ein Salatblatt zu mümmeln, ich schwenke dann manchmal auf vegetarisch um.
Das hat nicht nur den Vorteil, dass man satt wird, sondern man muss während des Essens nicht darüber reden. Das kann einem nämlich sofort den Abend versauen, denn ein Veganer am Tisch macht allen ein schlechtes Gewissen und miese Laune. Vegetarier sind voll akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft, Veganer dagegen die Typen, über die man Witze macht. Wenn man aber erklärt, weshalb man kein Fleisch isst, schlägt der Witz schnell in ein hitziges Wortgefecht um. Dazu habe ich manchmal einfach keine Lust. Ich finde eigentlich die Frage nach einem Rückfall schon ziemlich bescheuert, als wenn es eine Sünde wäre, mal wieder das zu essen, was man sein ganzes Leben lang gegessen hat. Quelle

Rückfall hört sich auch nach Krankheit an. Vegan leben ist ein willentlicher Verzicht aus welchen Gründen auch immer. Einige, weil sie damit abnehmen wollen, sich Jugend und Gesundheit versprechen, bei anderen steht nicht Individualität auf der Fahne, sondern Tierliebe oder Ethik. Nicht zu vergessen die Menschen, die sich mit ihrer veganen Ernährung nicht an Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit beteiligen wollen. Natürlich ist das alles theoretisch. Beweggründe sind auch emotional verankert, vermischt und richten sich nicht nur nach dem Umfang des Wissens der Person, sondern nach der Weite des Blickwinkels. Jenni hat dazu eine Hierarchie von Tiefgang skizziert. Hier geht es zum Artikel.

Und ja, ich stimme Derik Meinköhn zu, auch bei dem teilweise hippen Status von Veganern in bestimmten Kreisen, es ist noch immer schwierig in Gesellschaft in einem Standard Restaurant zu essen. Veganer sind die Spielverderber. Auch wenn viele sich glaubhaft vorhalten, dass sie gerne und vor allem guten Gewissens Fleisch, Fisch und Ei essen, kommt es mit einem Veganer am Tisch dann häufig zu unangenehmer Stille, fragenden Blicken, Ausreden oder anstrengenden Gesprächen. Habt ihr beim Italiener schon mal Gemüsepizza ohne Käse bestellt? ;)

Resümierend für die europäische Gesellschaft:

Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir einfach zu viel Fleisch und Fisch essen. Die Meere sind verarmt oder leer gefischt und Fleisch ist zu billig. Ich finde vegan ist die richtige Ernährung für unsere Zeit. Quelle

Dem stimme ich vollkommen zu. Ihr auch?

Was dann noch bleibt ist eine sehr persönliche Sicht: Ich glaube, wenn Menschen die 50 – 70% tierische Lebensmittel mit plastikverpackten Alternativen aus dem veganen Supermarkt füllen, dann ist sicherlich den Tieren geholfen aber lange noch nicht Schluss. Wenn wir nun Unmengen an Quinoa, Reis, Kichererbsen, Superfoods, Flugobst und Tofu-Produkte etc. essen, dann schaden wir den Tieren nicht direkt, allerdings schaden wir ihnen indirekt. Eine erhöhte Nachfrage hat zur Folge, dass eben nicht mehr auf kleinen Feldern angebaut wird, sondern mehr gerodet werden muss, mehr Chemie zum Einsatz kommt und die großen Kapitalhaie Geschäfte wittern und hier in großem Maßstab zum Beispiel Chia-Samen anbauen. Natürlich muss das als Monokultur mit viel Ertrag zu kleinem Preis und auf Kosten der Bevölkerung vor Ort passieren, denn wir möchten ja nicht mal Quinoa essen, sondern ständig. 10 Bananen am Tag, Datteln, Cashewnüsse, Chiasamen. (Wir wissen doch gar nicht mehr was wir ohne diese durchaus tollen Lebensmittel essen sollen.) Deswegen muss es entsprechend günstig bei uns angeboten werden. Zusätzlich beuten wir weiterhin andere Länder aus und lassen die Lebensmittel durch die ganze Welt fliegen oder schiffen. Wir schonen die Tiere und ruinieren die Umwelt. Das ist doch ein toller Kompromiss. Ich schließe mich da vollkommen Niko Paech an und glaube wir können nur durch eine grundlegende Änderung unserer Gewohnheiten eine wirkliche Verbesserung bewirken. Oder was denkt ihr? Ist es wirklich notwendig täglich Reis, Tofu, Kokos, Quinoa, Amarant, Superfood etc. zu essen, um als Veganer zu überleben?  Bin ich zu extrem? Wie ökologisch muss vegan sein?

Weinfest 2010 (14)

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9 Gedanken zu „Vegan: Nicht hip sondern normal!?

  1. cao

    also ich denke, dass diese superfoods auf keinen fall notwendig sind! denn auch bei uns gibt es jede menge tolle lebensmittel, die noch dazu heimisch sind. sicher, auch ich ess gern bananen, reis oder verwende gelegentlich kokosmilch. aber hauptsächlich gehören äpfel, birnen, karotten, walnüsse, salte, kürbis, kohlgemüse etc. auf den täglichen speiseplan, zumindest im winter solange es noch keine riesen auswahl an heimischen obst und gemüse gibt!
    ich denke, es spricht nichts dagegen, sich ab und zu mal was zu „gönnen“, was bei uns halt leider nicht wächst. aber nur auf solche lebensmittel zurück zu greifen, finde ich nicht sinnvoll. wichtiger wäre es, wenn wir wieder lernen würden, wie vielfältig und reich an obst,gemüse, nüssen, kräutern usw. unsere eigene heimat ist und wir diese mehr wertschätzen würden!!
    greets cao

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    Antwort
    1. Fussel

      Noch dazu hat man ja häufig den Effekt, daß die Lebensmittel außerhalb der Saison nicht wirklich schmecken. Man denke da nur an die Erdbeeren oder Tomaten, die es jetzt im Winter zu kaufen gibt. Geschmacklich kein Vergleich zu denen in der Saison. Da lohnt es sich dann auch im Hinblick auf Genuß, auf die Saison zu warten.
      Auch in Sachen Spargel freuen wir uns auf den Beginn der heimischen Saison, essen dann so oft wie möglich welchen und wenn esdann vorbei ist, ist es eben vorbei und es kommt ein anderes leckeres Gemüse.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  2. Cordula

    Toller Beitrag! Und ich bin da auch ganz bei dir und auch bei dem Autoren des Artikels: Die Zukunft liegt nicht im Tierproduktekonsum von heute. Wenn man sich die Auswirkungen dessen was wir uns auf den Teller legen, einmal genauer zu Gemüte führt, sei es die Situation der Meere oder die des Regenwaldes, der Klimawandel, die Menge Ressourcen, die Tiere verschlingen, so ist die vegane Ernährung meiner Ansicht nach lediglich die logische Konsequenz.
    Man muss keine Superfoods essen um sich vegan zu ernähren. Das geht auch mit ganz normalen Lebensmitteln. Und ich stimme dir zu, man kann immer mehr machen. Und es gibt so viele andere Baustellen, die unsere Aufmerksamkeit brauchen.
    Erst vor kurzem war ich da geschockt, als mir jemand sagte, was kümmere sie der Bauer im Dritteweltland, „ihr Fleisch“ käme aus Deutschland und sie äße gerne Fleisch.
    Ich finde, sowas zeigt genau wo das Problem unserer Gesellschaft ist. Von daher vegan zu leben hat nichts mit hip zu tun. Es geht darum Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und Leid zu reduzieren, ökologischer zu leben, den Planeten nicht auszubeuten.

    Lg Cordula

    Gefällt 3 Personen

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    1. Esther Autor

      Liebe Cordula, ja, ja, ja! Ich komme sehr oft an meine Grenzen, wenn ich Menschen beobachte. Selbst bei Personen, die einem sehr nahe sind, frage ich mich öfter WARUM? Bei manchen Veganern habe ich das Gefühl es wird verschlimmbessert. „Weil ich kein Fleisch esse kann ich so viel Flugreisen machen, wie ich will“ Das sehe ich anders.
      LG Esther

      Gefällt 2 Personen

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      1. Cordula

        Ich kann über solche Dinge nur mit dem Kopf schütteln, weil vieles davon oftmals entgegen jegliche Logik agiert. Da frage ich mich dann immer wieder: Was denkt sich derjenige eigentlich?
        Davon abgesehen, vegan zu leben ist kein Freifahrtschein, wobei man Extrameilen oder dergleichen bekommt.

        Lg

        Gefällt 2 Personen

  3. widerstandistzweckmaessig

    Hallo!

    Der Punkt mit den Ausnahmen gefällt mir sehr gut, vielleicht auch deshalb, weil ich es ähnlich handhabe.

    Ich lebe nicht vegan, kaufe aber keine tierischen Produkte mehr. Wenn ich eingeladen bin, dann esse ich was auf den Tisch kommt. Ich will mich nicht ständig erklären müssen.

    Allerdings gehe ich von mir aus nicht in Lokale essen, weil ich lieber selber koche, da weiß ich was drin ist.

    Vielen Dank auch fürs Verlinken zu Jennis Gastbeitrag auf meinem Blog!

    lg
    Maria

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    Antwort

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