Panoptikum 2.0

Eine Szene aus dem alltäglichen Nebeneinander

Jpeg

Freilichtbüro

Ich sitze in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Acht Stunden am PC plus eine Stunde Pause vor dem PC liegen bereits hinter mir. Die S-Bahn ist wie immer voll, alle Plätze sind belegt. Passagiere, die einen Platz ergattert haben freuen sich innerlich. Es muss innerlich sein, denn äußerlich kann ich keine Regung erkennen. Alle, bis auf ein schreiender Säugling im Kinderwagen und ein 84-jähriger Mann, der seine gesamte Kraft benötigt, um sich auf dem Sitzplatz zu halten, blicken wie erstarrt nach vorne. Frauen, Männer, Studenten, Kinder, Mütter, Paare, Anzugträger, Arbeiter, alle halten sich das Telefon vor die Nase. Die einen tippen fleißig, die anderen sporadisch, einige schauen Filme, andere hören Musik, laut genug für zwei. Es fühlt sich an wie in einem schlechten Film, Panoptikum 2.0. Zwischendurch huscht ein unsicherer Blick hier und da in die Umgebung. Es wirkt als würde die Person aus einer Trance erwachen und just in diesem Moment die Umwelt registrieren.

Ich frage mich: Was wird aus uns, die wir mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit täglich an unseren Haltungsschäden feilen? Wie aufnahmefähig sind wir noch für wirkliche direkte Kommunikation, die über zwei – Wort Satzfetzen und Emoticons hinausgeht? Warum müssen wir immer erreichbar sein? Ist das Telefon unser Schutzschild?

Es wird geflissentlich übersehen, dass andere Menschen Hilfe benötigen, einen Koffer kaum schieben können, einen Sitzplatz wirklich brauchen könnten… Haben denn alle ihre Kinderstube zuhause gelassen?

Es ist beängstigend. Wir werden eine ganze Batterie an Ärzten, Chiropraktikern und Therapeuten benötigen, die sich zukünftig um unsere Halswirbelsäule sorgen.

Zudem habe ich das Gefühl, wir können uns nichts mehr merken, auf keinen Termin festlegen, führen inhaltslose Gespräche, drängen fremden Menschen betriebliche Interna und persönliche Details auf…

„Ich kann dich schon sehen, schau mal hinter dich!“

„Ich melde mich gleich noch mal.“

„Ich bin in zwei Minuten bei dir!“

„Schatz, was sollte ich noch mal kaufen?“

Menschen sind im digitalen Stress, wie Mona das hier beschreibt. Oder sie leiden schon an Nomophobie?

Ich arbeite in einem Medienunternehmen – dennoch bin ich nicht immer erreichbar. Warum sollte ich das? Wie wäre es mit Phasen ohne Telefon? Unvorstellbar?

Wir haben unsere Familien WhatsApp Gruppe aufgelöst. Anstatt uns gegenseitig mit Sonnenaufgängen, Kinderschnappschüssen, Essensbildern, Arbeitsfotos und zusammenhanglosen Infos zu bombardieren, telefonieren wir wieder, führen ein Gespräch in ganzen Sätzen, mit Lachen und Emotionen anstatt mit Emoticons. Wir treffen uns, wenn möglich persönlich und füllen diese Treffen mit Bildern, die wir nicht auf dem Telefon zeigen müssen. Ziemlich altbacken und gleichzeitig echt, lebendig, wertvoll.

Wie geht es euch damit? Abendliche Grüße – vor dem Rechner sitzend ;)

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8 Gedanken zu „Panoptikum 2.0

  1. Grünzeug

    Hallo Esther!

    Wahre Worte!
    Mir geht es jeden Tag so, wenn ich im Zug stehe (ich schreibe bewusst nicht „sitzen“, denn ich setze mich in öffentlichen Verkehrsmitteln nie hin – man sitzt so schon genug).
    Alle starren wie angeleint auf irgendwelche Bildschirme, egal, ob jung, als oder sehr alt. Und meistens wir nur irgendeine Facebook-Timeline gescrollt oder irgendein buntes Spielchen gedaddelt. Wenn man sich mit spannenden oder wichtigen Dingen beschäftigen würde, brächte ich vermutlich etwas mehr Verständnis dafür auf.
    Ich habe zwar auch ein Smartphone (der ältesten Generation), aber ich laufe nicht die ganze Zeit mit der Nase davor herum. Im Gegenteil – eigentlich nutze ich es nur, wenn ich zuhause bin oder dringend telefonieren muss.
    Uns entgeht doch so viel, wenn wir uns nur auf das Digitale beschränken (dazu gibt es in den nächsten Tagen übrigens einen laaaangen Artikel von mir, denn das Thema treibt mich auch persönlich um). Ich finde es aber immer wieder faszinierend (und beängstigend), diese Entwicklung zu beobachten.
    Und wenn ich dann jemandem mit einem echten Buch vor der Nase sehe, muss ich lächeln.

    Liebe Grüße
    Jenni

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Esther Autor

      Liebe Jenni,
      stehend in der Bahn! Das passt ;) Dann bist du sicher auch eine, die keine Rolltreppen nimmt und immer die Treppen vorzieht? Wenn ich sitze, dann suche ich mir immer eine Person aus, der ich meinen Platz anbieten kann. Das ist vollkommen unterhaltsam. Ich muss gestehen, ich finde Menschen mit einem echten Buch irgendwie „normaler“. Vielleicht ist das auch ein Vorurteil. Nun ist die Zeit der Bahnfahrten auch schon wieder vorbei. Dank Klimaveränderung kann ich im Januar ohne Schnee zur Arbeit radeln.
      Einen schönen Tag! Esther

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. Grünzeug

        Hallo Esther!
        Ja, tatsächlich bin ich so eine! ;)
        Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal eine Rolltreppe benutzt habe. Wahrscheinlich im großen Kaufhaus in Münster, in dem es keine richtigen Treppen mehr gibt, was mich regelmäßig zur Weißglut treibt. Doch da nutze ich die Rolltreppen aufständlerischerweise so, als wären es normale Treppen. Das geht natürlich nur, wenn gerade kein anderer darauf unterwegs ist, aber ziemlich oft habe ich dabei Glück. :)

        Einer anderen Person den Platz anzubieten, finde ich eine tolle Sache und ich kann mir wirklich gut vorstellen, dass man dabei in interessante Gespräche verwickelt werden kann. Außerdem ist es eine schöne und höfliche Geste, die jeder und jede gerne annimmt – und schon hat man wieder eine Person glücklich gemacht.
        Ich muss aber zugeben, dass mir Menschen mit einem Buch auch spontan mehr zusagen als solche mit einem Smartphone vor der Nase und einem Daddelspiel. Da bin ich wahrscheinlich auch vorurteilsbelastet, aber ich kann mich des Eindrucks auf der anderen Seite nicht entwehren, dass das Vorurteil immer wieder bestätigt wird. (Obwohl das natürlich kein Argument ist, es aufrechtzuerhalten, sondern bei Lichte betrachtet eine faule Ausrede.)

        Ich finde es wirklich gruselig, wie stark wir schon jetzt die Auswirkungen des Klimawandels spüren können. Und dann gibt es wirklich noch Menschen, die das leugnen möchten…

        Liebe Grüße und einen schönen Abend!
        Jenni

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  2. ichbindannmalminimal

    Wenn ich mich in der Bahn immer umschaue, auch auf der Strasse, habe ich immer das Gefühl bereits in der Zombieapokalypse zu sein, die in allen möglichen Variationen schon beschrieben oder verfilmt wurde. Alle starren auf ein Display, überall nur von Bildschirmen erhellte Gesichter, die ohne ihre Umwelt wahrzunehmen umhertrotten.
    Meine Empfehlungen dazu lauten:
    – Handy wirklich mal vergessen, ausschalten, einen oder zwei Tage nicht erreichbar sein. Dann erkennt man schnell, dass die Welt sich immer noch dreht und man nur irgendwelche Belanglosigkleiten via Nachricht bekommen hat.
    – Wenn das zu viel ist, Handy bewusst in der Tasche lassen und alle Anderen in Bus und Bahn beobachten. Will man wirklich auch so sein?
    – Die unterhaltsame Erkenntnis: Schaut Euch den Film „Wall-E“ an, speziell die Passage auf dem Raumschiff, wo alle nur noch über Bildschirm miteinander kommunizieren. Das ist weder Zunkunftsmusik oder ausgedacht, DAS ist heute schon fast Realität.

    Ich habe seit letztem Jahr wieder ein ganz normales Handy und bin seit dem sehr viel entspannter.

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. Esther Autor

      Den Film kenne ich auch. Belustigend und erschreckend zugleich. Immerhin können wir noch laufen, das hatten sie im Film vollkommen aufgegeben.
      Bin irgendwie erleichtert, dass ich schon einen halben Tag Sport hinter mir habe, bevor ich wieder hier am Rechner sitze – und auch bei Wall-E mitspielen kann. ;)

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      Antwort
    1. Esther Autor

      Hallo Mona, danke! Ja ich freue mich auch immer über Gleichklang ;)
      Allerdings glaube ich nicht, dass ein solcher Artikel einen Menschen wachrütteln kann. Da brauch es vielleicht mehr Leidensdruck oder Lebenserfahrung … oder was meinst du? Liebe Grüße Esther

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