Qual der Wahl – Ein Erste-Welt-Problem?

Wie kann ich entscheiden, was mir wirklich wichtig ist? Wie finde ich heraus was ich brauche? Und wenn ich das weiß, wie geht es dann weiter?

Jeder von uns geht seinen eigenen Weg – in seinem Tempo. Heute geht es mir mal wieder zu schnell und gleichzeitig viel zu langsam. Seid ihr schon angekommen? Dort wo ihr wirklich sein wollt? Ich habe gelernt: Es soll sich weit und leicht anfühlen. Das mit dem Fühlen ist viel schwieriger als alles andere. Kein Wunder, dass wir uns mit Arbeit und Konsum betäuben. In meiner Selbstständigkeit habe ich es geschafft mehrer Jahre durchzuarbeiten. Irgendwie war ich auch noch stolz darauf. Denn es entspricht dem protestantischen Ideal, ein kleines Stehaufmännchen, ein Workaholic. Leider ist das mit den Gefühlen wie beim Radfahren, es muss irgendwann mal gelernt werden. Mit dem Alter wird das nicht leichter und im Straßenverkehr stellt der Ungeübte schnell eine Gefahr für die übrigen Verkehrsteilnehmer dar – ach ja, und für sich selbst natürlich auch.

Was ich noch gelernt habe: Enge oder Druck zu fühlen, ist nicht so gut – also zurück zur Leichtigkeit der Weite. Vielleicht hilft es sein Leben zu entmüllen, weniger zu besitzen und mehr Freiräume zu schaffen? All das geht viel leichter als viele Menschen denken. Konsumdiät mach ich im Schlaf. Minimalismus, ein guter Anfang und was dann? Versteckt sich dahinter mehr, vielleicht ein tieferliegender Wunsch, eine Hoffnung?

Der Schritt ins Unbekannte ist schwierig. Die Alternative missmutig die Arbeitsstunden zu ertragen, das fällt so vielen leichter, als diesen riesigen ersten Schritt zu wagen. Es gibt so viel vernünftige Gründe, die gegen das Ausbrechen sprechen, die Angst machen und zudem macht der Job eigentlich Spaß. Vielleicht ist es nicht das richtige Aufgabengebiet, aber die Kollegen sind echt nett und die Bezahlung, die monatlich einfach so auf dem Konto landet, die lässt einen beruhigt einschlafen.

Und jedesmal, wenn ich über diese Erste-Welt-Probleme nachdenke, komme ich mir undankbar und furchtbar privilegiert vor. Ist es nicht verrückt, wir beschäftigen uns mit unserer Selbstfindung und andere mit ihrem blanken Überleben? Ich bin da immer wieder eingeschüchtert, wie wichtig ich mich selbst überhaupt nehmen darf. Ist meine Selbstfindung mehr oder weniger Wert als der Ruf nach Hilfe und Teilhabe anderer Menschen? Schließt das eine das andere vielleicht aus?

Sich in einem Leben zu befinden, dass alles hat, nachdem alle sich vermeintlich sehnen – das kann einem zu viel sein? Das ist doch krank! Das muss sicherlich an der Kindheit liegen. Es liegt doch immer an der Kindheit. Oder nicht?

Und so gehen die Jahre ins Land. Eigentlich ist alles gut. Meistens bleibt, neben der Vielzahl an Tätigkeiten, Interessen und Engagement, nichts so viel Zeit sich dem Fühlen zu widmen. Erst wenn wir Erfahrungsberichte von Menschen lesen, die ausgebrochen sind, um ihr neues Glück zu finden, atmen wir tief durch und lauschen, ob sich in uns etwas regt. Leute, die den Traum vom erfolgreichen Leben verwirklicht hatten und damit vollkommen unglücklich waren, fanden in der Einfachheit, im Loslassen, der Natur oder im gesellschaftlichen Engagement ihre wirkliche Berufung. Diese Menschen würden sicherlich kein Deckblatt in einem Hochglanzmagazin für Kapitalanleger oder Fashionqueens schmücken, dennoch ist ihr Leuchten in den Augen klarer als das von Dagobert Duck.

Samstag: Wenn die Einkäufe verstaut, die Wohnung geputzt, die Wäsche gewaschen, die Interessen gepflegt und die Kids beschäftigt sind, dann könnten wir vielleicht das mit den Gefühlen üben. In diesem Sinne ein schönes Wochenende!

Siehe auch: br.de/radio/bayern2

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3 Gedanken zu „Qual der Wahl – Ein Erste-Welt-Problem?

  1. Rosalie

    Sei nicht so streng mit Dir! Es braut sich schon was zusammen, aber es braucht auch seine Zeit! Und schalte mal den Kopf aus und folge dem Bauch. Die Vernunft hat selten Großartiges hervorgebracht!

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  2. ichbindannmalminimal

    Nachdenkliche Worte, die ich mehrmals lesen musste, um mich in Deine Lage hineinzudenken.
    Wohin willst Du, was willst Du erreichen, was möchtest Du nicht? Ohne ein realistisches Ziel ist es schwer einen Weg zu wählen, selbst wenn er ausgeschildert ist. So wirst Du nicht wissen, ob Du Dich näherst oder nicht. Mit einem Ziel vor Augen wirst Du urteilen und fühlen können, ob Dein Weg richtig ist, wirst jeden Schritt glücklich gehen und dabei jeden fehlenden Ballast intensiver fühlen.
    Also gehe nicht mit Dir ins Gericht.

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    1. Esther Autor

      Hallo Rosalie, hallo Minimal,
      interessant, so persönlich und nachdenklich fand ich das nicht. ;) Hatte allerdings die letzten Tage nicht nur ein Gespräch, bei dem ich feststellen musste, wie viele Menschen mit ihrer Situation unzufrieden sind und fast wie gelähmt verharren. Danke für eure aufbauenden Worte. Den Weg zu mehr Einfachheit und weniger Besitz empfinde ich als sehr befreiend,
      Einen schönen Abend! Esther

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